Begegnung mit dem Chef der Anti-Abschiebungs-Lobby

Wortmeldung eines Christen aus der Kontaktgruppe Asyl

O, ich sehe Brillenetuis aufklappen, Ohren sich spitzen – wer mag das sein, dieser geheimnisvolle Chef der Anti-Abschiebungslobby? Wollen doch sehen, ob wir seiner nicht habhaft werden und ihn ordentlich ins Gebet nehmen können! Weit gefehlt, ihr Herren Seehofer, Dobrindt, Herrmann, Söder, Kretschmer und … Er ist kein anderer als der König und Richter der Welt[1]. Der wird Sie am jüngsten Tage vor seinen Stuhl zitieren und Ihnen den Platz zu seiner Linken zuweisen. Unmissverständlich wird er Ihnen sagen: „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin zu euch gekommen und ihr habt mich abserviert!“ „Aber wieso,“ werden die Herrn antworten, „haben wir uns nicht alle erdenkliche Mühe gegeben, die christliche Suprematie in unserem Land zu bewahren und zu stärken?“ „Habe ich solches je von euch verlangt?“, wird sie der Richter zurechtweisen. „Ich bin als Flüchtling in euer Land gekommen und ihr habt mich abgeschoben! Ich kam ein zweites Mal – da erklärtet ihr mein Begehr nach Zuflucht für unzulässig, weil ich schon einen ‚sicheren‘ Drittstaat durchquert hatte; ein drittes Mal wieset ihr mir die Tür, weil ein Asylantrag, der wegen verzweifelt ärmlicher Lebensverhältnisse gestellt worden ist, offensichtlich unbegründet sei. Euren Anspruch auf Asyl im Reich der Himmel habt ihr damit selbst verwirkt!“ „Aber, aber“, werden die so Angesprochenen stottern, „wir mussten doch den Rechtsstaat verteidigen und schützen, auf dem die Ordnung unseres Zusammenlebens beruhte!“ „Wer hat euch geheißen, den Rechtsstaat als Exkulpationsvehikel für fortdauernde gravierende Menschenrechtsverletzungen vor euch herzutragen? Ein Blick ins Neue Testament[2] hätte euch belehren können, dass Gesetze, die Menschen erdrücken und strangulieren vor meinem Stuhl offensichtlich unbegründet, unzulässig und damit nichtig sind! Diese Gesetze wurden mitnichten am Sinai vom Himmel herabgereicht – ihr habt sie selber ersonnen. Und sie zeugen gegen euch. Wunderlich klingt mir euer Gewäsch von den ‚christlichen Grundlagen‘ eures Gemeinwesens in den Ohren, sehe ich doch nichts als Tünche und Makulatur!“

Dann wird sich der König zu den von jenen geschmähten Vertreterinnen der „Anti-Abschiebungs-Industrie“ zu seiner Rechten wenden – in der ersten Reihe sehe ich da Frau Ulrike Bremermann (suspendierte Leiterin der Bremer BAMF-Außenstelle), Frau Ursula Mai (langjährige Flüchtlingshelferin in Dresden), Herrn Peter Fahlbusch (auf Asylrecht spezialisierter Rechtsanwalt) und dahinter eine große Schar – und zu ihnen sagen: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist vom Anbeginn der Welt! Denn ich bin zu euch gekommen und ihr habt mich angesehen, mir die Hand gereicht, mir zugehört und mich aufgenommen.“ „Wann“, werden die Menschen zur Rechten des Königs erstaunt fragen, „haben wir dich angehört und aufgenommen?“ Und der König wird antworten: „Immer, wenn ihr schutzsuchende Fremdlinge mit ihren Ängsten, Schmerzen und Hoffnungen ernstgenommen und sie auf dem steinigen Weg in der Fremde begleitet habt, wenn ihr versucht habt, ihre Füße aus den Paragraphenschlingen der Aufenthalts- und Asylgesetze zu lösen und mit ihnen Zukunftswege zu finden und zu beschreiten, wart ihr an meiner Seite. Gehet ein zur Freude der Befreiten und Erlösten!“

Die oben genannten Herren seien abschließend darauf hingewiesen, dass weder der Chef der Anti-Abschiebungs-Lobby noch wir sie in Teufels Küche abschieben möchten[3]. Wir wünschen, dass sie dem Kernanliegen des Jesus von Nazareth, Menschen in ein angstfreies, solidarisches Miteinander unter dem Segen eines reichen und gütigen Vaters in den Himmeln zu führen, in ihrem politischen Handeln endlich Raum geben mögen. Wenn sie das dazu nötige Vertrauen nicht aufbringen sollten oder diesen alten Geschichten schlicht nicht mehr glauben, sei ihnen mit einer Legende aus dem Leben Alexanders des Großen zumindest ein Weg zu mehr Ehrlichkeit gezeigt:
Vor Alexander den Großen wurde ein Soldat namens Alexander gebracht, der sich auf den Feldzügen durch besondere Feigheit hervorgetan hatte. Alexander der Große fixierte ihn und sagte zu ihm: Entweder du wirst ein Held – oder du legst meinen Namen ab!

Dresden im Mai 2018, Michael Vierus

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[1] Matth. 25, 31-46
[2] Matth. 23, 4.23; Mark. 7, 6 ff.
[3] Hes. 18, 21-23